Intern
    Graduiertenschule für die Geisteswissenschaften

    Hamm, Elisabeth

    Binationale Cotutelle de Thèse-Promotion
    mit der Université Sorbonne Nouvelle - Paris 3

    Dissertationsthema:
    "Tiere und das Animalische in der deutschsprachigen Dramatik: ästhetische und anthropologische Fragen. Heinrich von Kleists Penthesilea und Georg Büchners Woyzeck." 

    Promotionssstipendium der Université Sorbonne Nouvelle (Paris 3), 1.9.2015-31.8.2018

    Kontaktadresse an der Universität Würzburg:
    Lehrstuhl für neuere deutsche Literaturgeschichte
    Am Hubland
    97074 Würzburg

    E-Mail an Frau Hamm

    Erstbetreuer:

    Klasse in der Graduiertenschule:  "Philosophie, Sprachen und Künste"

    Promotion in der Graduiertenschule ab WS 2017/2018.

    Abstract:
    Das 19. Jahrhundert stellt dank der Infragestellung des Anthropozentrismus eine entscheidende Wende dar, die durch die Ansätze der gegenwärtigen „animal studies“ aktualisiert wird. Eine ganze neue Reihe von Tieren tritt am Anfang des 19. Jahrhunderts auf die Bühne auf: die Tierfiguren übernehmen neue Rollen und Funktionen: ihre Leben, Sprachen und Gedanken werden inszeniert. Mit der Absicht, die Darstellungen dieser Tierfiguren im Theater zu analysieren, habe ich zwei Theaterstücke ausgewählt, Heinrich von Kleists Penthesilea und Georg Büchners Woyzeck.

    Diese beiden Stücke haben eine ständig wiederkehrende Infragestellung der Grenze zwischen Mensch und Tier gemeinsam. Penthesilea inszeniert Amazonen, also Mischwesen, die ständig zwischen Mensch und Tier schwanken. Ihre Königin wird oft mit verschiedenen Tieren verglichen, wie der Löwe, der Wolf oder der Jagdhund, aber auch mit zwitterhaften Kreaturen aus der Mythologie wie die Sphinx oder der Zentaur. In Penthesilea wird das Animalische auch dadurch dargestellt, dass die Geschlechter ständig umgekehrt werden: die Amazonenkönigin wird immer wieder für ihre Weiblichkeit und Schönheit gelobt, aber sie besitzt gleichzeitig Züge, die namentlich von Jacques Brun als „männlich“ charakterisiert werden. In Woyzeck wird die Ersetzung des Menschen durch das Tier in der Szene „Der Hof des Doktors“ deutlich thematisiert, insofern als der Doktor Woyzeck als sein Versuchsobjekt, das heißt die Katze, behandelt. Deswegen nimmt sich dann Woyzeck selber als Tier wahr, das seinen eigenen natürlichen Bedürfnissen unterworfen ist, was ihn dazu führt, in den Wahnsinn zu geraten.

    Die beiden Theaterstücke haben übrigens ein enges Verhältnis zu den deutschen Sagen und den germanischen Mythen, sowie zur Volkskultur, wie die bedeutende Rolle des Pferdes es zeigt. Diese Formen der Tierdarstellungen entsprechen also manchmal dem Erwartungshorizont des Lesers bzw. Zuschauers: die Tiere und das Mensch-Tier-Verhältnis stehen im Mittelpunkt der Folklore und der Mythen im deutschsprachigen Raum, und diese gemeinsame Thematik erlaubt es mir, das kulturelle Konstrukt des Mensch-Tier Verhältnisses im Rahmen seines zeitlichen und räumlichen Kontextes in Frage zu stellen. Ich möchte aber nicht nur diese Gemeinsamkeiten, sondern auch die Unterschiede zwischen den Auffassungen der beiden Autoren untersuchen. Das Mensch-Tier-Verhältnis soll übrigens auch im Rahmen der wissenschaftlichen Diskurse der Zeit untersucht werden.

    Ich werde nicht nur die Texte analysieren, sondern auch vier zeitgenössische Inszenierungen, und zwar die von Andreas Kriegenburg und Karin Henkel, in der Perspektive, die Frage des Tierischen und dessen ästhetische und anthropologische Aspekte geschichtlich zu durchdenken. Ich möchte zeigen, wie die Tiere und das Mensch-Tier-Verhältnis auf der zeitgenössischen deutschen Bühne dargestellt werden, und wie die Formen der manchmal mittelbaren Inszenierung des tierischen Körpers behandelt werden.

    Das Tier, sei es als Metapher, Akteur oder Figur, wird durch die unterschiedlichen Behandlungen und Inszenierungen als Mittel zur Erneuerung der dramatischen Gattung und der Inszenierungsformen benutzt. Philosophische und anthropologische Werke, die die Entwicklung und die Geschichte der Mensch-Tier-Beziehung behandeln, werden auch grundlegend in meiner Arbeit sein, wie zum Beispiel das Denken Jacques Derridas, der unter anderem zeigt, dass das Wort „Tier“ nie im Singular verwendet werden soll, da es ansonsten von einer konzeptuellen Vereinfachung zeugt, die eine Diskrepanz zwischen Mensch und Tier und eine Verallgemeinerung verursacht. Ich werde mich also mit der Grenze zwischen Tier und Mensch und den Eigenschaften des Menschen und den Unterschieden (oder der Abwesenheit solcher Unterschiede) zwischen Mensch und Tier befassen. Ich werde also versuchen zu zeigen, dass das Tier als Begriff nicht nur mit dem Begriff des Menschlichen, sondern auch mit dem Begriff des Unmenschlichen verbunden ist, was dem Fall eines Menschen entspricht, der sich von dem Tier nicht mehr unterscheidet.


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